Historie

In der Vereinsgeschichte wird offiziell 1870 als Gründungsjahr genannt, doch wie so oft bei historischen Daten, ist die Faktenlage nicht ganz eindeutig: Die musikalischen Anfänge des Orchesters liegen viel früher und der eigentliche Zusammenschluss unter dem Namen „Stadtkapelle Rottenburg“ fand erst einige Jahrzehnte später statt.

Historische Wurzeln (bis 1850)

Die Menschen in der Region spielten bereits in der Steinzeit auf Schwanenknochen Flöte. Und in der keltisch-römischen Stadt Sumelocenna, der Vorgängersiedlung von Rottenburg am Neckar, machte man sicher schon mit Carnyces und Litui, den keltischen bzw. römischen Naturtrompeten, vor bald 2000 Jahren „Blasmusik“. Im späten Mittelalter gab es am Rottenburger „Musenhof“ der Erzherzogin Mechthild von Österreich außer dem urkundlich erwähnten Hoforganisten und seinen Sängerinnen mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein Hoforchester, das Tafel- und Tanzmusik zu Festen beitrug. Ebenfalls mittelalterlichen Ursprungs sind die Pfeifer und Trommler des Spielmannszugs der 1314 gegründeten Bürgerwache Rottenburg. Infolge der Türkenkriege zwischen dem Habsburgerreich und dem Osmanischen Reich machten sich im 18. Jahrhundert in der europäischen Militärmusik zunehmend Einflüsse der Janitscharenmusik bemerkbar, so auch im vorderösterreichischen Rottenburg. Berichtet wird, dass im September 1804 bei der letzten großen Feierlichkeit vor dem Übergang Rottenburgs ans Königreich Württemberg das Bürgermilitär mit Kanonendonner und „türkischer Musik“ zur Bereicherung des Festes beitrug. Nach damaligem Sprachgebrauch war darunter eine Militärkapelle mit Blas- und Schlaginstrumenten zu verstehen, die Marsch- und eben auch Konzertmusik spielte. 1817 spielte zum Empfang des jungen württembergischen Königspaares in Rottenburg ein 25 Mann starkes Musikkorps der Bürgerwache.

Feuerwehr-Musikzug und Musikgesellschaft der Bürgerwache (1850 – 1920)

In der württembergischen Oberamtsstadt Rottenburg gründeten im Jahr 1851 Bürger ein freiwilliges Pompiers-Corps. Zwanzig Jahre später, laut Protokoll am 16. April 1871, wurde in diesem Rahmen ein Feuerwehr-Musikzug gegründet. Ihr erster musikalischer Leiter war der Musiklehrer und Domorganist Musikdirektor August Balluff. Der war bereits im Jahr zuvor mit einem nicht näher bezeichneten Ensemble im Rathaussaal öffentlich aufgetreten. Dies wurde später zum Anlass genommen, das Jahr 1870 als Gründungsjahr der Stadtkapelle Rottenburg zu setzen. Die Aufgabe des Feuerwehr-Musikzugs war es, beim geselligen Beisammensein nach großen Löschübungen und bei Feierlichkeiten, wie etwa 1876 beim 25jährigen Feuerwehrjubiläum, zur Unterhaltung aufzuspielen

Der Feuerwehr-Musikzug im Jahre 1904 unter der Leitung von Moritz Bengel

Beim Festumzug aus diesem Anlass am 25. Juni 1876 marschierte auch die „städtische Musik mit Tambours“ vorneweg, gemeint waren wohl Spielmannszug und „türkische Musik“ der Bürgerwache. Im Jahr darauf leistete sich auch die Bürgerwache eine eigene „Musikgesellschaft“ als Unterhaltungsorchester. Historisches Notenmaterial aus den Beständen des Feuerwehr-Musikzugs und des Bürgerwache-Musikzugs belegt, dass beide Blasorchester nicht nur Marschmusik und populäre Unterhaltungsstücke, sondern auch anspruchsvolle Konzertmusik wie Bearbeitungen von Ouvertüren und Sinfonien im Repertoire hatten. Ein unausgesprochener Wettstreit mag in den folgenden Jahrzehnten beide Orchester zu Höchstleistungen beflügelt haben.

Vereinigung zur Stadtkapelle Rottenburg (1920 – 1945)

1920 gründete Musikdirektor Moritz Bengel mit den besten Musikern aus den beiden Rottenburger Blasorchestern und verstärkt durch ehemalige Militärmusiker eine erste „Stadtkapelle Rottenburg“. Doch die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse bei der Inflation und wohl auch die Treue vieler Musiker zu ihren angestammten Musikzügen machten diesen ambitionierten Anfang nach wenigen Jahren zunichte.

Die Stadtkapelle Rottenburg im Jahre 1921 unter der Leitung von Moritz Bengel

Ein Zeugnis für das Potential dieses ersten Versuchs hängt bis heute im Vereinszimmer: eine Urkunde vom internationalen Musikfest in Luzern 1925 bescheinigt der „Stadtkapelle Rottenburg“ einen 1. Rang.

Der Musikzug der Bürgerwache im Jahre 1939 unter der Leitung von Anton Stadel
Der Musikzug der Bürgerwache im Jahre 1939 unter der Leitung von Anton Stadel

Erst zwanzig Jahre später sollte die Fusion der beiden Rottenburger Blasorchester gelingen, allerdings nur mit massivem Druck von außen. Die ideologische Gleichschaltung aller Kulturbereiche war Teil der nationalsozialistischen Machtpolitik. Dies bedeutete, dass im Dritten Reich nach 1939 keine Kompositionen von Juden und keine als „entartet“ diffamiert Musik mehr aufgeführt werden durften. Auch mussten sich alle Kulturträger in den Dienst der „gemeinsamen nationalsozialistischen Sache“ stellen. Für den Feuerwehr- und den Bürgerwache-Musikzug bedeutete dies, dass sie zunächst bei Aufmärschen in entsprechender Uniformierung als NS-Partei-Musikzug und als SA-Musikzug eingesetzt wurden. Durch einen Erlass der Reichsmusikkammer wurden die beiden Musikzüge schließlich zwangsvereinigt, da in einer Stadt von der Größe Rottenburgs nur noch ein Blasorchester zugelassen war. Musikalischer Leiter dieser zweiten „Stadtkapelle Rottenburg“ wurde 1940 Moritz Bengels talentierter Sohn Karl Bengel jun. Da er wenig später zum Kriegsdienst eingezogen wurde, sollte er erst später die Stadtkapelle Rottenburg zu großen Erfolgen und internationaler Bekanntheit führen. In den letzten Kriegsjahren übernahm Anton Stadel, der zuvor Dirigent des Musikzuges der Bürgerwache war, die Leitung und erfüllte die musikalischen Aufgaben in der Stadt zusammen mit den wenigen Musikern, die nicht zum Kriegsdienst einberufen wurden, so gut es ging.

Wettbewerbserfolge und Amerika-Tourneen (1945 – 1970)

Der Neuanfang in den ersten Nachkriegsjahren gestaltete sich zunächst schwierig. Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft versuchte Klarinettist Karl Kohler mit großem Einsatz, seine alten Musikkameraden wieder zusammen zu trommeln. Einige waren aus dem Krieg nicht wieder heimgekehrt. Nach und nach fand sich aber doch ein Häuflein von Idealisten unter der Leitung von Karl Kohler zusammen. Als Karl Bengel jun. in den späten 1940er Jahren nach Rottenburg zurückgekehrte, konnte er die Position des Musikdirektors wieder einnehmen. Mit einer gelungenen Mischung aus Volksmusik und moderner Unterhaltungsmusik gelang ihm – parallel zum Wirtschaftswunder – das „Wunder Stadtkapelle“. Er unterrichtete selbst alle Instrumente und begann so die wichtige Nachwuchsarbeit. Bereits 1950 holte die Stadtkapelle Rottenburg beim internationalen Musikfest in Bludenz einen 1. Rang in der Kunststufe. 1952 gelangen dieselben Erfolge bei Wertungsspielen in Luxemburg und Innsbruck, in den beiden folgenden Jahren zweimal in Belgien, in Ettelbrück und Ostende. Beim Bundesmusikfest 1954 in Aalen glänzte das Orchester wieder einmal und erhielt den Ehrenpreis des Kultusministers. 1960 war man beim Landesmusikfest in Ebingen in der Kunststufe ebenfalls erfolgreich. Im selben Jahr schenkte der Journalist, Mundartdichter und Rottenburger Ehrenbürger Josef Eberle alias Sebastian Blau der Stadtkapelle Rottenburg einen dreistufigen Schellenbaum. Zum Dank widmete ihm Karl Bengel den Sebastian-Blau-Marsch, der wie die anderen Bengel-Kompositionen „Gruß aus Rottenburg“ und der Rottenburger Narrenmarsch bis heute zum besonderen Repertoire der Stadtkapelle gehören.

Mit einer Altmetallsammlung konnten 1961 die Musiker die Flugreise zu einem Wertungsspiel nach Stockholm mitfinanzieren. Auch von dort kehrten sie preisgekrönt zurück.

Neben dem großen Blasorchester formierte Karl Bengel jun. ein semiprofessionell auftretendes volkstümliches Ensemble, das den Namen der Stadtkapelle Rottenburg mit Rundfunk- und Fernsehauftritten landesweit verbreitete. Auf Einladung von Schwaben International brach Karl Bengel jun. 1962 mit 12 Mann zu einer Konzertreise nach Amerika auf, um nicht nur deutsche Auswanderer mit schwäbischer Blasmusik vom Feinsten zu begeistern. Fünf Jahre später bekräftigten Karl Bengel jun. und ein 17köpfiges Blasmusikensemble auf einer dreiwöchigen Tournee durch die nördlichen USA und Kanada das internationale Renommee der Stadtkapelle Rottenburg.

Ein Gedicht des damaligen Lokalredakteurs Fritz Holder charakterisiert treffend die Stadtkapelle Rottenburg der sechziger Jahre:

Bei de Pauke‘ vornedanne
sitzt em Wams d’r Dirigent,
om sich rom sechs Händ‘ vool Manne‘
mit polierte‘ Instrument‘.

Graoße Röhrle, kleine Trommle‘;
Klarinettle, Saxopho‘
ond zwoi Sousaphon zom Brommle‘,
die gent erst da reachte To‘.

Vo‘ Chikago bis noch Bludenz,
mit ihr’m Schelle’bom-Geschell,
kennt se jeder Homo ludens:
D‘ Raodeburger Stadtkapell‘.

Zum 100jährigen Jubiläum, das 1970 gefeiert wurde, erhielt das Orchester eine neue Uniform mit blauer Jacke, roter Weste und schwarzem Federhut, zeitgemäß angelehnt an die schwäbische Tracht. Wenige Monate nach dem großen Fest verstarb Karl Bengel jun. nach schwerer Krankheit. Eine Ära ging zu Ende.

Ausbau zum sinfonischen Blasorchester (1970 – 2000)

Als Nachfolger für Karl Bengel konnte der Bundeswehr-Musiker Willy Lange gewonnen werden, der sich bereits als Komponist für Blasorchester einen Namen gemacht hatte. Leider bewogen ihn familiäre Gründe, bereits nach einem Jahr Rottenburg zu verlassen. Er leitete danach zwanzig Jahre lang erfolgreich die Stadtkapelle Fellbach.Wieder einmal musste Vizedirigent Karl Kohler mit viel Einsatz und Pragmatismus eine Durststrecke überwinden.

1973 begann mit der Verpflichtung von Herbert Kamleiter als städtischer Musikdirektor eine neue Zeit. Kamleiter, der am Bayerischen Staatskonservatorium in Würzburg Klarinette studiert hatte, war gleichzeitig ein hervorragender Posaunist und begnadeter Musikpädagoge. In Zusammenarbeit mit der Städtischen Musikschule Rottenburg unterrichtete er Klarinette, Saxophon und sämtliche Blechblasinstrumente. So konnte er den Nachwuchs für die Stadtkapelle gezielt nach seinen musikalischen Vorstellungen ausbilden. Die kontinuierliche Aufbauarbeit trug bald Früchte. Die Stadtkapelle kehrte von Konzertreisen und Wertungsspielen in der Höchststufe mit hervorragenden Erfolgen zurück.

In den späten 1970er Jahren zeigte sich die Modernisierung nicht nur in neuen grauen Sakkos, sondern auch darin, dass erstmals eine junge Frau als Klarinettistin ins Orchester aufgenommen wurde. – Inzwischen trägt man dunkelgrüne Jackets und der Klangkörper fast zur Hälfte weiblich.

In den folgenden beiden Jahrzehnten wurde das Orchester in allen Registern verstärkt, Oboe und Fagott kamen als Instrumente hinzu und das Schlagwerk wurde zu einem modernen Percussionssatz ausgebaut. Kamleiter formte den vollen Klang, für den die Stadtkapelle Rottenburg bekannt wurde. Zur Freude des treuen Publikums wurden drei Langspielplatten mit beliebten Musikstücken, später unter anderem auch eine CD mit Märschen eingespielt.

Die Stadtkapelle Rottenburg im Jahre 1995 unter der Leitung von Herbert Kamleiter
Die Stadtkapelle Rottenburg im Jahre 1995 unter der Leitung von Herbert Kamleiter

Als Lehrbeauftragter für Posaune an der Musikhochschule Würzburg wurde Herbert Kamleiter 1994 zum Professor ernannt. Nicht zuletzt das Posaunenensemble der Stadtkapelle verdankt ihm bis heute seine herausragende Qualität. Die Konzertreise der Stadtkapelle 1998 nach Japan wurde für alle Teilnehmer zu einem musikalischen Höhepunkt und einem unvergesslichen Erlebnis. Nach 27 Jahren als städtischer Musikdirektor trat Herbert Kamleiter in den Ruhestand.

Neue Herausforderungen und Ziele (seit 2000)

2001 übernahm der studierte Posaunist, Komponist und Arrangeur Arno Hermann zunächst als Interimsdirigent die Leitung des Orchesters. 2002 erhielt er die Stelle als Stadtmusikdirektor. Mit einem Deputat an der Städtischen Musikschule bildet er Blechbläser aus und baute zwei Jugendblasorchester in unterschiedlicher Leistungsstufe auf. Professionell managte er zehn Jahre lang das „Musik-Unternehmen“ Stadtkapelle Rottenburg nach innen und außen. Höhepunkte in dieser Zeit waren unter anderem die Konzertreisen nach Südkorea und Bremen, jeweils als offizielles Blasorchester der internationalen Chorolympiade, und die Umrahmung des Deutschen Katholikentags in Ulm zusammen mit den Chören der Rottenburger Domsingschule.

Besonders gut gelang Hermann der Spagat zwischen den traditionell gewachsenen Verpflichtungen gegenüber Bürgerwache und Narrenzunft auf der einen Seite und den wachsenden Leistungsansprüchen eines sinfonischen Blasorchesters auf der anderen Seite. Als routinierter Arrangeur verstand es Hermann, überlieferte Märsche und Fasnetsschlager für die aktuelle Stadtkapelle neu zu setzen und einzurichten. Bei eigenen Konzerten und festlichen Anlässen von Stadt und Diözese Rottenburg konnten einige seiner eigenen Kompositionen durch die Stadtkapelle Rottenburg uraufgeführt werden. Da Arno Hermann andere Herausforderungen suchte, trennte sich 2011 die Stadtkapelle Rottenburg von ihm.

Für das Herbstkonzert 2011 konnte mit Stefan R. Halder, Dozent für Klarinette und Blasorchesterleitung an der Musikhochschule Trossingen, ein hervorragender Gastdirigent gewonnen werden. Nach intensiver kreativer Probenarbeit und einem begeisternden gemeinsamen Auftritt erklärte er sich zur Freude der Akteure und des Publikums dazu bereit, bis auf weiteres die musikalische Leitung der Stadtkapelle Rottenburg zu übernehmen.

Gemeinsames Ziel ist es, die Klangkultur zu verfeinern, die Stilistik zu sensibilisieren, die Spielfähigkeit jedes einzelnen zu verbessern und das Zusammenspiel zu präzisieren, um schließlich in der professionellen Kategorie 6 antreten zu können – und gleichzeitig beim gemeinsamen Musizieren viel Spaß zu haben!